Christine Pfenninger
Lebens- und Unternehmensberatung

Newsletter Dezember 2021

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

ich sitze an meinem Schreibtisch, und derweil fegt ein Schneesturm über das Land. Wie gut haben wir es doch, oder? Wir haben es warm, haben ein Dach über dem Kopf und einen vollen Kühlschrank. Wir leben in einem freien und demokratischen Land, unsere Kinder haben das Recht auf eine gute Schulbildung und können ihren Beruf frei wählen. Wir können (weitgehend) die Geschicke unseres Landes politisch mitbestimmen, wir können uns für verschiedenste Projekte und Initiativen stark machen und uns an ihnen beteiligen. Wir Frauen sind (weitgehend und theoretisch) gleichberechtigt und unseren Männern gleichgestellt - auch wenn dies an verschiedenen Stellen noch der Nachbesserung bedarf. Wir können uns - meistens - frei und sicher fühlen auf unseren Straßen, auch abends. Kurzum - wir hier in Deutschland sind wirklich privilegiert verglichen mit vielen Menschen in anderen Ländern, Völkern und Kulturen. Aber wissen wir das denn auch genügend zu schätzen? Ist uns bewusst, dass wir im wahrsten Sinne des Wortes "Schwein gehabt haben"?

 

Eher habe ich den Eindruck, dass uns der Wohlstand satt und überdrüssig macht. Er scheint dazu zu führen, dass wir eine innere Leere verspüren, die wir mit Konsum und Wohlstand zu füllen versuchen. Überlegen Sie bitte doch einmal, wie viele Paar Schuhe Sie ganz persönlich haben! Na? Unsere Häuser und Wohnungen sind überladen mit Dingen, die wir nicht oder kaum brauchen oder benutzen, die wir jedoch pflegen, verstauen, reinigen müssen. Da ist mit Sicherheit vieles an Ballast dabei!

 

Bei jungen Leuten bemerke ich einen Trend hin zu mehr Nachhaltigkeit, zu fairem Handel, ökologischem Denken und freiwilliger Selbstbeschränkung. Und da kommen verschiedene alternative Ideen zum Vorschein - das Leben in einem Tinyhouse, Autosharing, im Urlaub Wälder wieder aufforsten helfen, Lebensmittel vor dem Wegwerfen retten, "Fridays for future", das Wohnen verschiedener Generationen unter einem Dach und vieles mehr. Auch wenn junge Menschen in ihrer großen Begeisterung und im Eifer manchmal über das Ziel hinausschießen, ist es doch schön, dass sie sich mit Leidenschaft für diese Welt einsetzen! Und diese Leidenschaft und Liebesfähigkeit hat unsere Welt auch ganz dringend nötig, wenn wir möchten, dass auch unsere Nachkommen, dass künftige Generationen noch eine lebens- und liebenswerte Welt vorfinden. Wir entscheiden, ob sie mit Liebe und Dankbarkeit an uns denken werden, wenn wir alt und schwach oder bereits Vergangenheit sind. Oder ob sie mit Wut und Ärger im Herzen an uns denken und sich von uns betrogen fühlen.

 

Es gibt wirklich ungeheuer viele Möglichkeiten, sich in unserer Gesellschaft einzubringen - ob wir uns nun ehrenamtlich engagieren, einen sozialen Beruf ergreifen, uns politisch engagieren oder als Chefs anderen Lohn und Brot geben, ob wir den technischen Fortschritt vorantreiben oder mit Schönheit und Kultur die Herzen unserer Mitmenschen berühren und diese Welt bereichern... Es gibt so viele Wege, sich mit seinen ganz persönlichen Talenten einzubringen. Und das Interessante daran ist, dass wir es nicht wirklich für unsere Nächsten tun, sondern dass wir dabei praktisch "uns selbst retten", getreu dem Motto: "Die Menschen, die uns brauchen, geben uns den Halt im Leben." Nichts ist befriedigender, als wenn wir das Gefühl haben, etwas geleistet zu haben und wenn wir jemand anderem mit unserem Tun helfen konnten. Darüber finden wir unseren Platz im Leben und unseren Daseinszweck.

 

Und diejenigen unter uns, die alt, schwach und krank sind, erleben auf diese Weise vielleicht zum ersten Mal, dass wir Hilfe, Trost und Unterstützung auch selber einmal annehmen dürfen, dass wir nicht immer nur geben müssen. Das ist meines Erachtens für viele Menschen neu und eine sehr wichtige Erfahrung. Yin und Yang sollen ja immer ausgeglichen sein und sich die Waage halten. Insofern - ist das Leben nicht interessant und spannend? Wir sollten jeden einzelnen Moment nach Kräften auskosten, ihn bewusst wahrnehmen, in Freude wie auch im Schmerz. Allzu schnell neigt sich das Leben dem Ende zu - keiner weiß, wann ihm die Stunde schlägt. Und am Ende zählt nur, was wir erfahren und erlebt und ob wir uns dem Leben nach Kräften geöffnet haben. Ob wir unsere Talente entwickelt haben, ob wir mit jeder Faser unseres Wesens geliebt und Liebe weitergegeben haben. In jungen Jahren erscheint uns das Leben unendlich. Je älter wir jedoch werden, desto schneller scheint die Zeit zu vergehen, die Jahre rasen nur so vorbei, die Haare färben sich allmählich grau. Und wir müssen viele Dinge, Tätigkeiten und liebgewonnene Gewohnheiten nach und nach loslassen - was uns wiederum vieles erst richtig kostbar erscheinen lässt.

 

"An einem offenen Paradiesgärtchen geht der Mensch gleichgültig vorbei und wird erst traurig, wenn es verschlossen ist." Gottfried Keller

 

Darum wünsche ich Ihnen von Herzen, dass Sie diesen Advent, der eben wieder beginnt und der uns soeben pünktlich Schnee und Eis beschert, ganz besonders intensiv wahrnehmen und nach Kräften genießen - mit Tannengrün, Kerzenschein, heißem Tee und einer winterlichen Wanderung durch unsere schöne Landschaft. Oder gerne auch mit meinem Dezember-Sonntagsritual... Öffnen Sie Ihr Herz für das viele Gute, das wir in unserem Leben vorfinden, in Dankbarkeit und Genügsamkeit und mit einem offenen Herzen für diejenigen, "die weniger Schwein gehabt haben als wir" - die weder ein Dach über dem Kopf noch genügend zu essen und zu trinken haben, die auf der Flucht sind vor Krieg, Hunger und Not, die traumatisiert sind durch viele schlimme Erlebnisse. Unser Sattsein sollte uns mit einer besonderen Dankbarkeit erfüllen und uns daran mahnen, unsere Fülle und unseren Reichtum mit anderen Menschen zu teilen. Dies ist immer auch zu unserem eigenen Wohle. Denn wenn das Arm-Reich-Gefälle auf der Welt zu groß ist, dann haben wir einen instabilen Zustand. Dieser wird irgendwann Ereignisse in Gang setzen, wodurch dieses Ungleichgewicht wieder ausgeglichen werden wird - das ist ein physikalisches Gesetz. Also liegt es in unserem eigenen Interesse, freiwillig für Ausgleich zu sorgen, finden Sie nicht auch? Dadurch vermeiden wir mit Sicherheit schmerzhaftere Erfahrungen. Und Sie wissen ja: "Es darf leicht gehen..."

 

Eine schöne Adventszeit und winterliche Grüße

Ihre Christine Pfenninger